Kontermarkierte Münzen aus Guadeloupe und Tobago


Gegengestempelte oder kontermarkierte Münzen haben immer mein Interesse hervorgerufen. Sie erzählen viel über die ökonomischen Umstände in einem Gebiet. Diesmal nehme ich Sie mit in die Karibik und zwar nach Guadeloupe zur Zeit der französischen Revolution.

Guadeloupe liegt ungefähr in der Mitte der Leeward Inseln südöstlich von Puerto Rico und besteht aus zwei von dem Salzwasserfluss Rivière Sal­é voneinander getrennten Vulkaninseln: Basse Terre im Westen mit der Hauptstadt Basse Terre und Grande Terre im Osten.

Guadeloupe wurde 1493 von Columbus entdeckt und war seitdem spanisch. 1604 wurden die Inseln abgestoßen, weil sie ökonomisch und strategisch uninteressant waren. 1635 landeten zwei Franzosen auf den Inseln. Es waren L´Olive und Duplessis. Sie gliederten die Inseln in den Besitz der französischen Kompanie der Inseln von Amerika (La Compagnie française des Illes d’Amérique) ein. Weil wiederholte Versuche von privaten Kompanien, die Inseln zu kolonialisieren, scheiterten, wurde Guadeloupe 1674 der französischen Krone übertragen. Mehrere Male wurden die Inseln von den Engländern erobert und standen kurzfristig unter britischer Herrschaft: 1759-1763, 1794, 1801 und 1815-1817.

Zwischendurch waren die Inseln von 1813 bis 1814 noch in schwedischem Besitz, aber immer wurde Guadeloupe von den Franzosen zurückerobert. 1946 wurde die Kolonie Guadeloupe zusammen mit Martinique und einigen weiteren Inseln ein französisches überseeisches Departement (Département de la France d’Outre-Mer). Seit 1958 ist sie ein überseeisches Departement der französischen Union, l’Union Communauté de la France d’Outre-Mer.

Der Geldumlauf auf den Inseln war von Anfang an zu gering. Vom Mutterland kam zu wenig Münzgeld-Nachschub. Die wenigen Einwohner benutzten durchaus ausländische Münzen, die für den einheimischen Geldverkehr mittels Kontermarken tauglich gemacht wurden.

Das Geld war meistens so knapp, dass die Münzen zur gleichen Zeit mit der Kontermarkierung aufgewertet wurden. 1767 hatten die Franzosen für ihre Kolonien Kupfermünzen zu drei Sols (Stüber)und 1 Sol = 4 Liards (Örtgen) = 12 Deniers (Pfennige) in Paris prägen lassen. Die schweren Kupfermünzen wurden aber von den Einwohnern von Guadeloupe verweigert. Sie hatten mehr Vertrauen in Silbergeld. In einer Sondersitzung der Generalversammlung von Guadeloupe am 28. September 1793 wurde deshalb beschlossen, die Kupfermünzen zu kontermarkieren. Die öffentliche Bekanntmachung wurde von dem Gouverneur Georges Victor Collot am
2.Oktober unterschrieben. Dabei wurde verordnet, dass die kontermarkierten Kupfermünzen zirkulieren sollten, zu 3 Sols, 9 Deniers (3¾ Sols) oder ¼ Escalin. Sie wurden mit 9 Deniers aufgewertet. Die Bevölkerung benannte die kontermarkierten Kupferstücke nach dem Unterzeichner der Bekanntmachung “des Collots”.

Auf der Vorderseite der Münze stehen zwei gekreuzte Zepter, die Anfangsbuchstaben L XV des König Ludwig XV (1715-1774) und die Wörter COLONIES FRANCAISES.
Auf der Rückseite steht innerhalb des Spruches: SIT NOMEN DOMINI BENEDICTUM und der Jahreszahl das umkränzte und gekronte ovale Lilienwappen des Königs. Es ist kein Zufall, dass die Kontermarkierung mit den Buchstaben RF (= République Française) das Lilienwappen völlig bedeckt. Der König ist tot, es lebe die Republik.

© Foto, Claus Hardelt

¼ Escalin 1767, = 3 Sols  9 Deniers mit Gegenstempel RF 1793

“un Collot”, Ø 22 mm

 

In der Karibik liegt auch die Inselrepublik Trinidad und Tobago.

Trinidad wurde 1498 von Columbus entdeckt und für die Spanische Krone in Besitz gebracht. Die Kolonialisierung begann 1577. 1797 wurde die Insel von den Engländern erobert und bei dem Vertrag von Amiens (1802)
von den Spaniern an die Engländer abgegeben. Tobago wurde ebenfalls 1498 von Columbus entdeckt und für Spanien in Besitz genommen.

Die Inseln wechselten 31 mal die Herrscher (aus Holland, Frankreich, England) und wurden 1803 endgültig britisch. 1888 wurden die beiden Inseln vereinigt. Seit 1962 bilden sie die unabhängige Republik Trinidad und Tobago. Am Anfang zirkulierte auf den Inseln portugiesisches und spanisch-amerikanisches Geld.

Der Mangel an Umlaufmünzen wurde zeitweise durch diverse Notmaßnahmen aufgehoben. Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Münzen manchmal verschnitten und die Teile mit einer Kontermarke versehen.

1780-1790 hatten die Franzosen für ihre Kolonien in der Karibik Doppelstüber von geringhaltigem Silberanteil mit der Aufschrift COLONIE DE CAYENNE prägen lassen. Diese Doppelstüber zirkulierten schon bald in der ganzen Karibik. Im Umlauf wurden sie schnell schwarz und wurden unter dem Namen “noir”, “black dog” oder “oude bruine” bekannt. Bald wurden diese Cayennestüber, wie sie auch genannt wurden, gefälscht, und es wurde die Einfuhr auf niederländischen, schwedischen, englischen und französischen Inseln verboten. Die Stücke, die schon im Umlauf waren, wurden verschiedentlich kontermarkiert, um der Einfuhr Einhalt zu gebieten. Der Umlauf von nicht kontermarkierten Stücken wurde verboten. Im November 1798 wurde auf Tobago die Kontermarkierung von “black dogs” befohlen. Mit der Kontermarke wurden sie für 1½ Englische Penny gültig erklärt.

      

Doppelstüber, Colonie de Cayenne, 2 Sous 1789 A Paris, Louis XVI
– Black dog = 1 ½ Deniers mit Kontermarke TBO, Tobago Nov. 1798,
Ø 22 mm

 

Kontermarkierte Münzen aus der Karibik sind bei Sammlern auf der ganzen Welt sehr beliebt. Es sind historische Dokumente aus Metall, die, falls gelesen, eine interessante Geschichte erzählen.

 

Kontermarkierte Münzen aus Guatemala

 


Von der Karibik gehen wir nach Guatemala, der nördlichsten Republik Mittelamerikas. Durchaus wissen die meisten Sammler nicht soviel von Münzen der mittelamerikanischen Staaten. Guatemala war ursprünglich ein Teil der Provincias Unidas del Centro de América, der Vereinigten Staaten von Mittelamerika. Zentralamerika war zwischen 1823 und 1839 ein Bundesland der Provinzen des ehemaligen spanischen Generalkapitanats Guatemala. Es bestand aus den Provinzen Costa Rica, El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua. Der Staatenbund entstand, als die Provinzen am 1. Juli 1823 die Unabhängigkeit ausriefen, nachdem das mexikanische Kaiserreich unter Augustín I gestürzt worden war.

Die mittelamerikanischen Provinzen waren 1821-1823 Teile des mexikanischen Kaiserreiches. Wegen innerer Machtkämpfe und fehlendem Zusammengehörigkeitsgefühl geriet der gesamte Staatenbund 1827 in einen Bürgerkrieg. Ende 1828 hatten alle Staaten, außer El Salvador, sich vom Bunde abgewandt. Costa Rica, Guatemala und Honduras prägten
aber noch lange Zeit später konförderative Münzen, also Münzen im Namen des Staatenbundes República del Centro de América.
Die Münzprägung im Namen des Staatenbundes fing 1824 an. Sie dauerte in Costa Rica bis 1850, in Guatemala bis 1851 und in Honduras bis 1861. Geprägt wurden Silbermünzen zu 1/4, 1/2, 1, 2 und 8 Realen und Goldstücke zu 1/2, 1, 2, 4 und 8 Escudos. Auf der Vorderseite steht immer das Staatswappen, eine Sonne über einer Gebirgskette, auf der Rückseite ein Freiheitsbaum und die Wertangabe.

Die Münzprägungen reichten jedoch häufig nicht aus, um den Hunger an Zahlungsmitteln zu stillen. Deshalb wurden von einigen Staaten so genannte “cobs”, spanisches Schiffsgeld, kontermarkiert und in gültiges Geld umgewandelt. In Guatemala wurde 1838-1841 Schiffsgeld mit einem Gegenstempel "Sonne über Gebirgskette von drei Vulkangipfeln" versehen. Kontermarkierung war eine Art Münzprägung, die billig und schnell war. Man brauchte bloß die Münzen einzustempeln und nicht erst umzuschmelzen, das Münzmetall zu walzen und Münzplättchen aus den Zainen auszustanzen. Obwohl die Abbildung mit der Gebirgskette noch lange auf den Münzen Guatamalas zu sehen war, erschienen 1879 andere Abbildungen: Auf der Vorderseite eine sitzende Dame, die Libertas (die Freiheit) und auf der Rückseite ein Quetzal, ein einheimischer Vogel, sitzend auf einer Papierrolle mit der Unabhängigkeitserklärung. Im Hintergrund sieht man zwei gekreuzte Gewehre.


  

© Fotos: Hans-Jürgen Lamberty

“Cob”, Ø ca.25 mm, spanisches Schiffsgeld, mit Kontermarkierung von Guatemala, 1838-1841, “Sonne über Gebirgskette mit 3 Vulkangipfeln” versehen und in gültiges Geld umgewandelt.

Trotz eigener Münzprägung war um 1894 in Guatemala noch immer ein Mangel an Münzen. Deshalb zirkulierten dort verschiedene ausländische Münzen mit demselben Gewicht und Silbergehalt der Pesos Guatemalas. Stücke zu 2000 Reis aus Brasilien, zu 1 Peso aus Chile, Honduras und El Salvador und zu ein Sol aus Peru. 1894 beschloss die Regierung Guatemalas all diese Silbermünzen mit Gegenstempeln zu versehen und damit für die Innenzirkulation gültig zu erklären.  

    

© Fotos: Hans-Jürgen Lamberty

UN(1)SOL Peruana 1871 - mit Kontermarkierung von Guatemala ½ Real 1894
Ø 37 mm   KM 224

Die meisten Gegenstempel werden mit Hammer und Stempel auf einer Seite der Münzen eingeschlagen. Hier aber wurden die Münzen in eine Münzpresse gesteckt und mechanisch auf jeder Seite zur gleichen Zeit mit einem Gegenstempel versehen. Für die Kontermarkierung wurden 1894 Stempel von normalen Stücken zu einem halben Real benutzt.

Bei der Anfertigung von Silbermünzen wird zuerst die flüssige Silberlegierung in Zainen (Metallstreifen) ausgegossen und gewalzt. Im Metall entstehen manchmal kleine Luftblasen, die beim Walzen zerspringen. Wenn nicht, zerspringen sie bei der Prägung. Der Sol aus Peru mit den Gegenstempeln Guatemalas zeigt eine Luftblase, die zersprungen ist. Es ist keine Beschädigung, sondern ein hochinteressanter Anfertigungsfehler.

Kontermarkierte Münzen aus Guadeloupe, Tobago und Guatemala findet man im Krause/Mishler Katalog 1800-1900  


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Jan C. van der Wis, Groningen

Präsident der Koninklijk Nederlands Genootschap
voor Munt- en Penningkunde (KNGMP),
Die 2 Vorträge wurden anlässlich des monatlichen Sammlertreffens
des Ostfriesischen Münzverein e.V. (www.ostfriesischer-muenzverein-ev.de)
am 17. Juli 2008 in Filsum (Ostfriesland) gehalten.