Anmerkungen zum Upstalsboom

von M. F. Albrecht

anlässlich der Jubiläumsfeier des Ostfriesischen Münzvereins e. V. am 17. November 2007

 

 

Etwa drei Kilometer von Aurich entfernt, nahe der Verbindungsstraße von Aurich nach Oldersum, im Ortsteil Rahe, liegt das Gelände des Upstalsbooms. Inmitten einer Rasenfläche auf einem kleinen Hügel steht eine drei Meter hohe Pyramide aus Findlingen errichtet. Auf einer Granittafel des Monuments steht folgende Inschrift: “Auf der Versammlungsstätte ihrer Vorfahren, dem Upstalsboome, errichtet von den Ständen Ostfrieslands im Jahre 1833“. Also ein Kriegerdenkmal, das an die in den Befreiungskriegen (1813-1815) gefallen Ostfriesen erinnert, jedoch mit dem Hinweis auf einen Mythos.

 

„Rätselhaft ist der Ursprung des Upstalsbooms, der bis heute manches Geheimnis bewahrt hat.“ schreibt Wolfgang Schwarz in dem Buch „Die Friesische Freiheit des Mittelalters – Leben und Legende“. Seit mindestens zwei Jahrhunderten ist der Name mit dem Hügel verknüpft, der sich in der Gemarkung Rahe befindet. Der Ort ist nach archäologischem Befund als eine frühmittelalterliche Begräbnisstätte aus dem 7. bis 9. Jahrhundert belegt.

 

Die Bedeutung des Namens Upstalsboom ist nicht überliefert, doch wird er schon seit mehr als 500 Jahren hauptsächlich mit dem zweiten Wortteil erläutert: „Boom“ oder „Baum“. Hierbei muss es sich jedoch nicht unbedingt um ein Gewächs handeln. Ein Baum kann auch ein Grenzbaum oder aufgestellter Pfahl sein. „Upstall“ ist ein alter Begriff für ein eingezäuntes Flurstück, das die Dorfgemeinschaft gemeinsam als Weidegebiet nutzt, die sogenannte Allmende. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das gesamte Gelände um den Upstalsboom Allmende von Rahe. Heute ist schwer zu sagen, ob die damaligen Bewohner von Rahe mit dem Begriff „Upstalsboom“ überhaupt je etwas verbunden haben. Tatsächlich benutzten sie zur Bezeichnung des Hügels das Wort „Boombarg“.

 

Seit der ersten Erwähnung in der „Chronik des Klosters Bloemhof“ im Jahre 1216 taucht der Upstalsboom regelmäßig in verschiedenen Quellen auf. In der geschichtlichen Darstellung ist der Upstalsboom geradezu das Symbol für die „friesische Freiheit“ des Mittelalters geworden. Vom Anfang des 13. Jahrhunderts bis in das folgende hinein haben auf dem Gelände des Upstalsbooms Versammlungen von Abgeordneten der friesischen Seelande zur Beratung, Gesetzgebung und Rechtsprechung sattgefunden. Die zuletzt überlieferte Nutzung des Geländes für eine Zusammenkunft der Vertreter der Sieben Seelande war 1327. Dr. Hajo van Lengen vertritt die Ansicht, dass der friesische Landfriedensbund durchaus mit dem eidgenössischen Bund der Waldstätte in der Schweiz vergleichbar sei.

 

Beschreibungen vom Aussehen des Upstalsboomgeländes sind ab dem 16. Jahrhundert überliefert. Ubbo Emmius schreibt im Jahre 1598: „Dort erheben sich drei gewaltige Eichen, von denen eine, beinahe schon abgestorben, sich bis auf unsere Zeit erhalten hat, mit sich beinahe aneinander anstoßenden Zweigen auf offenen Gelände“. Dass der Upstalsboom mit einem Baum – und nicht mit drei Bäumen – in Verbindung gebracht wird, geht indes auch auf Ubbo Emmius zurück. Das verhält sich so: Dem Gelehrten war das Totius-Frisiae-Siegel des Landfriedensbundes mit der thronenden Jungfrau Maria und dem Jesuskind inmitten zweier friesischer Krieger nicht bekannt.

 

 

Er hat ein Siegel an einer Urkunde aus dem Jahr 1327, das einen Krieger neben einem Baum zeigt, für das Upstalsboomsiegel gehalten. Als 1678 die Ostfriesische Landschaft ihr Wappen von Kaiser Leopold I. verliehen bekam, bezog man sich in der Verleihungsurkunde auf „den berühmten Historico Ubbone Emmio“. Seitdem, so schreibt Dr. Deters (1978), wird der Upstalsboom endgültig mit einem „grünen Baum“ und einem „ganz geharnischten Mann“ verbunden. In dieser Form finden wir die Darstellung des Upstalsbooms auch auf dem Emblem unseres Ostfriesischen Münzvereins. Im Übrigen „feierte“ Ostfriesland 1865 den 50. Jahrestag der Annexion Ostfriesland durch das Königreich Hannover mit der Prägung einer Münze mit eben dieser Darstellung des Upstalsbooms.

 

 

                                                               Quelle:

                                                               Die Friesische Freiheit des Mittelalters – Leben und Legende

                                                               Herausgeber Hajo van Lengen

                                                               Ostfriesische Landschaft

                                                               Aurich 2003